<<<

Adlerauge

Etwa 1.000 Teile kontrolliert Ursula Schuster jeden Tag. Sie findet Dellen, Flecken oder Kratzer, für die andere ein Mikroskop bräuchten. 

Mitarbeiter

Was bin ich?

Folge 1 – Der unbestechliche Blick

Mit geradem Rücken und doch entspannt sitzt Ursula Schuster auf einem hohen Stuhl an ihrem Tisch. Die 43 Jahre alte Allgäuerin aus Oberrieden in der Nähe von Mindelheim greift in den Stapel vor sich und zieht eine glänzende Aluschiene zu sich heran. Das blank polierte Stück Metall wirft eine längliche Lichtreflexion auf ihr Gesicht, mit ihrem weißen Handschuh fährt sie einmal kurz über die Oberfläche.

Vor ihr liegen Hunderte Einstiegsleisten für ein teures SUV-Modell. Das Bauteil bekommt es im Laufe seines Lebens mit Dreck, Staub und harten Stiefeln zu tun. Bald schon wird es mehr als einen Kratzer haben. Doch wenn der Wagen ausgeliefert wird, muss alles perfekt sein. Zumindest für diese Teile der Einstiegsleisten bürgt Ursula Schuster. Sie arbeitet bei RATHGEBER in der Qualitätskontrolle. Ihr Job: Kleinste Fehler erkennen.

Die Schutzfolie abziehen, das Bauteil im Licht drehen und entscheiden; gut vier Sekunden dauert das pro Stück. Die guten Teile werden jeweils zu zehn Stück neu verpackt und an den Kunden ausgeliefert, die fehlerhaften Leisten landen auf kleinen Stapeln auf Schusters Tisch. Jeder Fehler hat einen eigenen Haufen; zur Dokumentation und zur stetigen Verbesserung des Produktionsprozesses.

Wobei Fehler ein großes Wort ist für die winzigen und winzigsten Flecken, Dellen oder Unregelmäßigkeiten im Strukturverlauf. Ist das nicht ein wenig pingelig? „Der Kunde bezahlt für perfekte Ware,“ erklärt Ursula Schuster, „deshalb akzeptieren wir keine Fehler“. Entsprechend genau schaut sie hin, rund 1.000 Mal am Tag. Im Zweifel wandert eher ein Teil zu viel in den Ausschuss oder wird später noch einmal gecheckt. Damit die Qualitätskontrolleurin immer weiß, wonach sie bei welchem Bauteil zu schauen hat, hängt vor ihr eine große Tafel mit sogenannten Grenzmustern und genauen Hinweisen.

Früher war sie als Verkäuferin in einem Supermarkt beschäftigt, doch da waren die Arbeitszeiten nicht nach ihrem Geschmack. Bei RATHGEBER kann sich die Mutter von zwei erwachsenen Kindern die Zeit einteilen. Das sei auch wichtig, sagt sie: „Es geht nicht nur darum, wann es mir passt. Dieser Job funktioniert nicht jeden Tag gleich gut. Wenn du nicht gut drauf bist oder müde, übersiehst du Fehler. Dann bringt es nichts.“

Matte Teile prüft sie übrigens lieber, das sei klarer. Die auf Hochglanz polierten Stücke zögen den Staub nur so an, sagt sie, da müsse man oft zwei Mal hinschauen. Dann kann es auch schon einmal fünf Sekunden dauern, bis sie sich entscheidet.